nach gizeh mit dem rad
Verkehrsregeln in Kairo sind eher eine Meinung denn verbindlich. Das Verkehrschaos in Kairo hat im vergangenen Jahrzehnt eine ähnliche Berühmtheit erlangt wie die Pyramiden vor den Toren der Stadt. Eine Gruppe junger Idealisten ist überzeugt, eine Lösung gefunden zu haben: das Fahrrad!
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„Es wird weh tun“
Fahrrad fahren in Kairo
„I expect pain!“ Mohammed Adesi lacht. Der Architekturstudent sitzt auf einem BMX-Fahrrad, das vergnügt vor sich hin quietscht. „Es gibt eine Geschichte dazu, warum ich heute hier bin. Willst Du sie hören?“ Hier – das ist eine 4-spurige Ausfallstraße im Nordwesten von Kairo. Trotz der frühen Stunde liegt der Smog wie eine bleierne Decke über der Strasse. Der Cairo Cycler’s Club (CCC) veranstaltet seine wöchentliche Ausfahrt, wie an jedem Freitag. „Erst gestern Abend um 10 hab’ ich auf Facebook etwas über dieses event gelesen. Heute Morgen bin ich dann um 6 aufgestanden, habe mein Kinderfahrrad so repariert, dass es wieder fährt – und da bin ich!“
Rad fahren in Kairo – geht das überhaupt? Nach den Pyramiden von Gizeh ist das tägliche Verkehrschaos in Kairos Straßen das wohl bekannteste „Aushängeschild“ der Stadt. Drei Millionen Neuzulassungen gibt es pro Jahr. 25.000 Minibusse und 80.000 Taxis hupen sich täglich durch Kairos Straßen, eine chaotische Kakophonie. Verkehrsregeln sind eher eine Meinung denn verbindlich. Eine rote Ampel heißt nicht notwendigerweise „Anhalten“ und Fußgänger in Kairo sollten sich davor hüten, zu glauben, eine grüne Ampel bedeute, man könne nun sicher die Straße überqueren. 7.500 Verkehrstote jährlich beweisen das traurige Gegenteil. Ganze Heere von Stadtplanern zermarterten sich bereits das Gehirn, um eine Lösung für die verstopften Straßen zu finden. Sherif Kamel ist einer von ihnen und ist überzeugt: „Das beste Heilmittel für Kairos Verkehrproblem wäre, die gesamte Innenstadt zur verkehrsberuhigten Zone zu erklären.“ Doch das klingt heute noch wie ferne Utopie.
Auch die Mitglieder des CCC haben sich Gedanken gemacht, wie dem Chaos am besten zu begegnen ist. Ihre Lösung: das Fahrrad. Sally Sue, eine Mitbegründerin des Klubs, sagt: „Unser Slogan ist: Jedes Auto weniger bedeutet weniger Luftverschmutzung. Wir wollen etwas für unsere Umwelt tun um ein besseres Lebensumfeld für kommende Generationen zu schaffen.“ Vor eineinhalb Jahren erblickte der Klub zum ersten Mal den Staub auf Kairos Straßen. Seitdem sitzt die Gruppe jeden Freitag Morgen im Sattel. „Dabei geht es uns vor allem darum, Präsenz zu zeigen.“ Trotz alledem ist die Wahl Freitags nicht ganz zufällig. Es ist der Beginn des ägyptischen Wochenendes, der einzige Tag der Woche, an dem der Verkehr nachlässt. „Dann ist es ein bisschen sicherer, mit dem Rad unterwegs zu sein.“
Wir haben die Ausfallstraße verlassen und radeln nun durch ein Gewerbegebiet. Die Luft ist klarer, die Straßen leer. Strahlend weiße Bürogebäude so weit das Auge reicht. Dazwischen leuchten weite, künstlich bewässerte Grünflächen. Ich fahre nun neben Mustafa. Auch er ist seit den ersten Tagen des CCC dabei. Auf welche Weise der Klub seine Anliegen einer breiteren Öffentlichkeit verständlich machen möchte, will ich von ihm wissen. „In erster Linie über Facebook!“ Social Communities wie Facebook spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle in Kairo, wenn es darum geht, Menschen zu mobilisieren und zu vernetzen. Die Facebook-Gruppe des CCC zählt mittlerweile über 2000 Mitglieder. Die Anzahl derer, die tatsächlich jeden Freitag auf’s Rad steigen ist freilich noch viel geringer. „Manchmal fahren bis zu 80 Leute mit. Aber es gibt auch Freitage, da sind wir nur zu acht unterwegs.“ erzählt er. „Von Teilnehmerzahlen über 500 Personen, die z.B. bei den „Critical Mass“ – Veranstaltungen in Europa oder Nordamerika nicht selten sind, können wir im Augenblick nur träumen.“ („Critical Mass“ ist eine weltweite Bewegung, die das Fahrrad nicht nur als Transportmittel, sondern auch als Kommunikationsmittel und Lebenseinstellung versteht. Einer ihrer Slogans ist „Wir behindern nicht den Verkehr, wir sind Verkehr.“ Anm. d. Verf.)
Immerhin sind inzwischen sind auch TV-Stationen auf den Klub aufmerksam geworden. „Letzte Woche hat uns ein Team aus Dubai begleitet. Leider mussten sie ihre Videokassette abgeben, da wir am Wohnsitz des Präsidenten vorbeigeradelt sind und die Leibwache des Präsidenten sofort sämtliches Material beschlagnahmt hat. Wir wissen nicht, ob sie ihre Aufnahmen schon zurückbekommen haben.“ erzählt Mustafa.
Doch die Berichterstattung über die Aktivitäten des CCC ist nur eine der Herausforderungen, wenn es darum geht, das Fahrrad als alternatives Transportmittel ins rechte Licht zu rücken. „Eines der größten Probleme ist die Wahrnehmung von Radfahrern in der Gesellschaft. Radfahren ist etwas für Kinder oder Arme.“ Fahrräder sind sicher keine Seltenheit auf Kairos Strassen – aber nur als Arbeitsmittel. Die Bedeutung des Autos als Statussymbol ist kaum zu unterschätzen. Menschen, die sich ein Auto leisten können, empfinden es als peinlich, mit dem Fahrrad zu fahren. Viele die gerne mehr Rad fahren möchten, befürchten ihrerseits, ihr Ansehen zu beschädigen. „Deswegen gelten Radfahrer, die freiwillig und aus Spaß an der Sache unterwegs sind, in Kairo noch immer als Kuriosität.“ sagt Mustafa.
Das gilt besonders für Frauen. Inji el Abd kennt das zur Genüge. Die 28-Jährige sitzt seit zwei Jahren regelmäßig im Sattel. “Ich habe einige Zeit in Spanien gelebt. Dort war es selbstverständlich, Rad zu fahren, auch für Frauen. Als ich nach Kairo zurückgekommen bin, wollte ich einfach nicht mehr darauf verzichten. Also habe ich mit Freuden den CCC gegründet.” Frauen haben es oft nicht einfach auf Kairos Straßen. Die Zahl von Fällen sexueller Belästigung ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. “Frauen werden ständig belästigt. Besonders Frauen auf dem Rad werden von vielen skeptisch beäugt. Es ist ein Machtspiel. Männer fühlen sich stark, wenn sie eine Frau belästigen. Aber gerade deswegen finde ich es falsch, wenn Frauen den öffentlichen Raum meiden. Je weniger Frauen auf der Straße sind, desto eher gelten die, die es trotzdem wagen, als zu liberal oder unanständig – und werden erst recht belästigt. Es wird Zeit, dass wir uns die Straße zurückerobern!”. Bei den Fahrten des CCC funktioniert das schon. Fast die Hälfte der Mitglieder sind Frauen. “Wir tun unser Bestes. Die Leute werden sich daran gewöhnen, langsam, aber sie werden!” ist sich Inji sicher.
Geschafft. Wir haben das Ziel der heutigen Tour erreicht. Mohammed Adesi sitzt im Schatten einer Palme. „Hast du Schmerzen?“ frage ich ihn. Mohammed lächelt erschöpft. Es war das erste Mal, dass er mit dem CCC mitgefahren ist. „Aber nicht das letzte Mal!“ ist sich Mohammed sicher.
Auf ihrer Internetseite formulieren die Gründer des CCC ihren Traum: „Wir träumen von einem Kairo, in dem Radfahren nicht nur eine Mode oder eine lebenslängliche Strafe – sondern ein Weg zu einem besseren Leben.“
Es mag noch ein weiter Weg zur Erfüllung dieses Traumes sein. Doch es beginnt immer mit dem ersten Schritt, oder besser: dem ersten Tritt in die Pedale.
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Dieser Artikel wurde am 29.October im Reiseteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) veröffentlicht.
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