die mutter aller theater
d i e m u t t e r a l l e r t h e a t e r
das Hager-Fikir Theater in Addis Abeba
Die Cafeteria des Hager-Fikir-Theaters in Addis Abeba versprüht den Charme längst vergangener Zeiten. Ich betrete einen weitläufigen Raum, dessen zahlreichen Neonröhren kaum ausreichen, ihn einigermassen zu erhellen. Eine etwas verloren wirkende Bronzestatue einer jungen Frau empfängt mich am Eingang. Der verstaubte Springbrunnen erzaehlt wehmuetig von glorreichereren Tagen, stemmt sich tapfer gegen das rasende Zeitverständnis der modernen Welt. Einzig ein Großbildschirmfernseher erhebt laut seine Stimme für den Fortschritt.
Eines hat sich indes nicht geändert. Die Cafeteria ist noch immer DER Treffpunkt von Sängern, Schauspielern, Tänzern und Regisseuren, von jung und alt. Das Theater ist ihr zweites zu Hause. Auch Tilahun Gessese zieht es immer wieder hierher.
„Auch wenn ich immer schwächer werde – ich komme sooft ich kann.“ Tilahun liebt das Theater. 1941 geboren, startete er seine Karriere bereits im Alter von 12 Jahren auf der Bühne des Hager Fikir Theaters. Mit der ‚Imperial Body Band’ schaffte er schon bald den Durchbruch und war überall im Lande als „The Voice“ bekannt. Bis heute gilt Tilahun als einer der wichtigsten Sänger des Landes. Die Bühne des Hager-Fikir-Fikir war für ihn ein Sprungbrett – die Tür in die Welt des Erfolges. Traum vom Erfolg scheint allgegenwärtig, schwebt über den abgewetzten Tischen und Stühlen der Cafeteria, wird geradezu greifbar.
Ilias, Erres, Dagem und Biruk setzen sich zu mir. Sie gehören jener Generation zwischen 20 und 30 an, die diesen Traum träumen. Sie arbeiten als Honorarkräfte im Hager Fikir und verdienen 100 Birr im Monat – das sind 10 Euro – wenn sie denn auftreten können. Und das können sie etwa vier Monate im Jahr. Biruk, ein 20jähriger Tänzer trainiert trotzdem 4 Stunden täglich. Vor allem ‚Modern Dance’. „Das wird hier immer populärer“ erklärt er stolz. Birruk hat schon in China getanzt – und träumt vom Westen.
Doch die goldenen Jahre des Hager Fikir liegen in der Vergangenheit. 1935 gründeten Schauspieler und Sänger unter der Schirmherrschaft des Kaisers Haile Selassi I. den „Hager Fikir Mahiber“ – den „Verein für Mutterlandsliebe“. Angesichts der drohenden Invasion durch das faschistische Italien wollten sie ein Zeichen zu setzen. Patriotische Musik, Lesungen und Theateraufführungen sollten die Bevölkerung zum Widerstand gegen Mussolinis Truppen zusammenschweißen. Obwohl Äthiopien schließlich besetzt wurde so entstand doch in dieser Zeit der Mythos des Hager Fikir als Nationalsymbol, mehr noch, in jenen ersten Aufführungen auf dem Menelik-Square im Herzen der Stadt wurde der Grundstein für das moderne äthiopische Theaters gelegt.
Nach dem Abzug der italienischen Truppen im Jahre 1943 bezog die Truppe das Quartier eines ehemaligen italienischen Offiziersclub und baute ihn zu einem Theater aus. Ein Saal mit 900 Sitzplätzen entstand. Kaiser Haile Selassie I förderte das Hager Fikir. Eine schaffensreiche Periode war die Folge. Europäische Klassiker standen ebenso auf dem Spielplan wie artistische Darbietungen und traditionelle äthiopische Stücke. In einem speziellen Bus reiste die Truppe durch das Land und brachte das Theater auch in die Provinzen. Zum 25. Thronjubiläum des Kaisers errichtete man gar eine kaiserliche Loge. Der Kaiser ‚revanchierte’ sich daraufhin mit der Gründung des Nationaltheater, ein Theater mehr für aristokratische Kreise. Das Hager-Fikir-Theater hingegen blieb ein Volkstheater – und es war beliebt.
Negusse Hailu, 82, erinnert sich noch gut an die Kaiserzeit. 1949 begann er seine Karriere als Sänger auf den Brettern, die die Welt bedeuten – und bis heute sind diese Bretter für ihn das Hager-Fikir-Theater. Auch Tourneen rund um die Welt konnten daran nichts ändern.
„Damals bekamen wir manchmal 8 Monate lang kein Geld! Doch wir hatten einfach Spaß am Spielen und Singen. Also machten wir weiter. Heute bin ich manchmal traurig hier zu sein.“ offenbart mir Negusse. Ich habe mit vielen Menschen hier gearbeitet. Doch ich bin der letzte.“
Mit dem Einzug des sozialistischen Derg-Regimes brach auch für das Hager-Fikir-Theater eine neue Zeit an. Die neue Regierung garantierte nun die Gehälter der Künstler, ein Kultur-Ministerium wurde eingerichtet, Jugend-Kultur-Klubs schossen aus dem Boden.
Der künstlerische Preis war freilich hoch. Kunst wurde gefördert – solange sie den Zwecken des Staates diente. Marx und Lenin bestimmten den Spielplan, regierungskritische Stücke fielen der Zensur zum Opfer, die Verfasser wurden verhaftet.
„Auch ich wurde verhaftet und verbrachte 2 Monate im Gefängnis.“ Ich sitze gemeinsam mit Tilahun Gesesse im Hof des Theaters und schlürfe einen Tee. Der inzwischen emeritierte Professor an der theaterwissenschaftlichen Fakultät der Addis Abeba Universität ist wohl der bekannteste und wichtigste Regisseur des modernen äthiopischen Theaters. Seine Laufbahn begann in den späten 50er Jahren am Hager Fikir Theater. 1974 übernahm er die Führung des Theaters – bis er ein unbequemes Stück inszenierte. Welches die beste Zeit des Theaters gewesen sei, frage ich ihn: „ Die letzten Jahre vor dem Derg Regime denke ich …“ – also die Zeit, da er die Geschicke des Theaters leitete… – „ Das war dann wohl meine Zeit! “ Tilahun Gessese lacht vergnügt.
Nach dem Sturz des Regimes übernahm die Stadt die Aufsicht über das Theater. Heute arbeiten mehr als 100 Festangestellte für das Hager Fikir. Wochentags stehen Filmaufführungen auf dem Programm, am Wochenende werden Musicals und Theaterstücke aufgeführt.
Doch die Zeiten übervoller Säle existieren nur noch als Erinnerung. Die neuen Medien stürmen ungestüm nach vorn, der Siegeszug der DVD droht ein vollständiger zu werden. Zumindest in diesem Punkt sieht sich die heutige Leiterin des Hager Fikir den gleichen Herausforderungen gegenüber wie ihre europäischen Kollegen.
Menbere Tadesse ist eine schöne und selbstbewusste Frau. Die Farbe ihrer Fingernägel stimmt exakt mit der ihres Pullovers überein. Seit 2004 lenkt sie die Geschicke des „Nationalsymbols“. „Welches sind die größten Probleme?“ frage ich sie. Das Dach macht uns Sorgen. Es ist voller Löcher und porös. Und schließlich haben wir keine Lichtanlage, mit der wir die Bühne ausleuchten könnten.“ Doch während solche materiellen Probleme lösbar scheinen, wiegt ein anderes Problem viel schwerer: Es fehlt an Nachwuchs. „Es gibt heute kaum noch junge äthiopische Instrumentalisten.“, klagt Tadesse. Sie träumt von einem Zentrum für afrikanische Musik. „Wir könnten ein Museum einrichten, und eine Musikschule für klassische afrikanische Instrumente.“ Der Weg dorthin ist freilich noch weit. Äthiopien hängt als eines der ärmsten Länder Afrikas seit Jahren am Tropf der Entwicklungshilfe.
Und doch kann von Stagnation keine Rede sein. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut wurde im Jahr 2006 ein „Hager-Fikir-Revival“ auf die Beine gestellt. Eine Ausstellung zur Geschichte des Theaters sollte die historische Bedeutung des Hager Fikir wieder mehr ins Bewusstsein der Bewohner von Addis Abeba rücken. Im April 2006 feierte schliesslich ein besonderes Projekt Premiere: Die Leiden des jungen Werther von J.W.v.Goethe wurden in amharischer Sprache uraufgeführt.
Tilahun Gesesse hat dieses Projekt in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Äthiopien entwickelt und durchgeführt. Die dramatische Umsetzung des Romans fand bei den „überaus romantisch veranlagten Äthiopiern“ großen Beifall.
Für Tilahun Gesesse war dies nicht die erste Zusammenarbeit mit dem Goethe-Insitut. 2002/03 inszenierte er für das GI die amharische Fassung von Max Frischs Drama ‚Andorra’ als dramatische Lesung und Bühnenbearbeitung. Was er sich für die Zukunft dieses Theaters wünsche, frage ich ihn. „ Es sollte nicht stehen bleiben. Man sollte nach vorn blicken. Theater hat etwas mit Menschen zu tun. Es erzählt die Geschichte von Menschen. Das Hager Fikir und seine Anfänge – das sind die Wurzeln des äthiopischen Theaters. Wenn man aber die Wurzeln eines Baumes entfernt, so wird er sterben. Wir müssen das Erbe des Hager Fikir Theaters bewahren – und es fortführen. Das ist unsere Aufgabe.“
Bevor ich die Cafeteria des Hager Fikir Theaters verlasse, bekomme ich noch ein besonderes Geschenk. Negusse Hailu, singt mir ein Lied vor. Es ist ein patriotisches Lied aus den ersten Tagen am Menelik-Square. Negusse’s Stimme ist fest, noch immer trifft er stets den richtigen Ton. Er sitzt neben einem Gemälde, welches ihn als jungen Mann mit prächtigem Kopfschmuck zeigt. Ich schließe die Augen und glaube für einen Augenblick zu wissen, was den Zauber, den Mythos dieses Theaters ausmacht. Trotz der unsicheren Zukunft der „Mutter aller Theater“, in einem bin ich mir inzwischen sicher: Legenden sterben nicht.
Tilahun Gesesse, wohl einer der wichtigsten und bekanntesten äthiopischen Künstler des letzten Jahrhunderts, starb am 19. April 2009. Am 23. April wurde er in Addis Abeba beigesetzt. Am Staatsbegräbnis nahmen unter anderem der Premierminister Menes Zenawi und der Präsident Äthiopiens, Girma Woldegiorgis, teil.


